Samstag, 5. März 2011

Rezension (10) Die Woll-Lust der Maria Dolors

Rezension # 10

Die Woll-Lust der Maria Dolors
Blanca Busquets 



Taschenbuch: 280 Seiten 
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag 
Sprache: Deutsch 
ISBN-10: 3423248165 
ISBN-13: 978-3423248167
Übersetzer: Ursula Bachhausen






 "Still sitzt sie da und strickt emsig vor sich hin: Seit einem Schlaganfall lebt Dolors bei der Familie ihrer Tochter Leonor. Zwar kann sie nicht mehr sprechen, aber dennoch hat sie nach wie vor einen scharfen Verstand. Blind und taub ist sie auch nicht geworden - doch alle glauben es so meint sie, dass man sie wie ein Möbelstück behandelt. Während sie einen wundervollen Pullover in leuchtenden Farben strickt, entgeht ihr nichts, was in dieser anscheinend normalen Familie vorgeht. Jeder hütet ein Geheimnis, einschließlich Dolors."

Die 85jährige Maria Dolors erleidet einen Schlaganfall und kann danach nicht mehr sprechen. Ihre jüngste Tochter Leonor nimmt sie bei sich und ihrer Familie auf. Nunmehr leben drei Generationen unter einem Dach: ihre Tochter Leonor, deren Mann Jofre, die beiden Enkel Sandra und Marti und Maria Dolors. Für diese  ist es nicht einfach, ihren Umzug zu akzeptieren, sie fühlt sich nicht alt und gebrechlich (vielleicht nur ein bisschen), geistig fit, sie kann sehen und hören, nur ihre Sprache sind unverständliche Laute. Es bereitet ihr Schwierigkeiten, nunmehr umsorgt und betreut zu werden, denn bislang war sie auf sich selbst gestellt. Alterssturheit ist heute ein gebräuchliches Wort dafür. Die Umstellung ist nicht einfach für sie, denn ihr Verstand ist hellwach, und ihren Augen entgeht nichts. Aber das fällt der Familie gar nicht auf, denn diese kümmern sich sehr wenig um sie. Eigentlich ist es wie ein unscheinbar abgestelltes Stück Möbel, welches im Zimmer steht und einmal am Tag der Staub abgewischt wird. So lässt sie sich eines Tages Wolle besorgen und fängt an zu stricken, findet sich also mit ihrem Jetzt in gewisser Weise ab. Sie  sitzt jeden Tag in ihrem Sessel und strickt an einem Pullover für ihre Enkelin Sandra.
Beim Lesen des Titels könnte man auf andere Gedanken kommen, aber dem ist nicht ganz so, wenn man den Klappentext liest. Hier bezieht es sich für den Moment einzig und allein auf die Beschäftigung von Maria Dolors, der sie tagtäglich nachgeht.  Das ist ihre alltägliche Abwechslung zwischen Aufstehen und Schlafengehen. Doch im Laufe der Geschichte nimmt der Komplex Sexualität immer mehr Formen an.
Und so nimmt Maria Dolors alles um sich auf, sieht und hört, was in der Familie vor sich geht bzw. öffnen sich die Familiengeheimnisse vor ihr. Der Familie entgeht, dass Maria anfängt, sich ihre eigenen Gedanken um die Familie um sie herum zu machen. Sie beobachtet sehr genau, was in der Familie geschieht. Sei es ihre Enkelin, die wie ein Spatz isst und schon in jungen Jahren ihren Freund mit nach Hause bringt und mit ihm Sex hat. Während Maria Dolors in die Vergangenheit rückblickt, zeigt sich, dass sie eine freie Einstellung zur Sexualität hat. (Ich schreibe bewusst Maria Dolors, weil es mich beim Lesen gestört hat, dass immer nur Dolors geschrieben wurde und empfand es als Abwertung).
Dass ihr Schwiegersohn wohl eine Geliebte hat, stört sie irgendwie, aber sie mag ihn nicht. Zumal sie ihre Tochter vor ihm gewarnt hatte, ihn zu heiraten. Jofre, hält sich für "den Mann", in meinen Augen ein Patriarch, dessen Frau Leonor sich alles gefallen lässt, von ihm unterdrückt wird. Wo bleibt hier die Emanzipation der Frau? Leonor lebt nach dem Motto "Schließe deine Augen, damit ich nichts sehe", und damit verletzt sie sich selbst, aber vor allem ihre Tochter. Aber was man nicht sehen will, das bemerkt man auch nicht. Einzig ihr Enkel Marti ahnt, dass seine Großmutter mehr von allem mitbekommt, als alle anderen ahnen.

Die Autorin erzählt in der Gegenwart und Vergangenheit, wobei die Geschichte aus Sicht von Maria Dolors geschrieben ist. Sie taucht ein in ihre Erinnerungen, ihre Gedanken führen sie in ihr früheres Leben und ihre Geheimnisse. So zieht es sich wie ein Faden durch den ganzen Roman, immer ein Stück vom Wollknäuel. Die Vorgänge innerhalb der Familie, der Geheimnisse, die jeder einzelne versucht, vor dem anderen zu verbergen, zu hüten, sind mit der Anlass, dass Maria Dolors aus ihrer Vergangenheit erzählt. An ihr früheres Leben, an ihre Liebe, die sie trotzdem nicht geheiratet hat. Zeitweise jedoch springt Maria Dolors in ihren Gedanken, dass man meint, den Faden zu verlieren.

Auf knapp 280 Seiten hat die Autorin sehr viel Stoff und Handlung gepackt, aber am Schluss hatte ich das Gefühl, es musste zusammengepresst zu Ende gebracht werden, also einfach ein paar Maschen fallen lassen. Die Geschichte besitzt sehr viel Potential, die Grundidee ist gut, doch eine 100-prozentige Umsetzung ist der Autorin nicht gut geglückt. Sie hätte mehr daraus machen können. Die auch heute aktuellen, fast alltäglichen Probleme, sei es die Magersucht, die Sexualität oder Gewalt, aber auch um die Alten der Familien, ich denke es waren die Grundideen, sind leider im Laufe des Schreibens von der Autorin zwar behandelt worden, doch ich hätte mir gewünscht, sie wäre intensiver darauf eingegangen. So ist vieles oberflächlich angesprochen, nicht weiter ausführlich aufgenommen worden.
Die Charaktere haben mir gut gefallen, nicht immer waren sie mir sympathisch, wie es im Leben halt so ist. Den einen mag man, den anderen nicht. Es kommt immer darauf an, wie man miteinander umgeht.

Die Farbe des Covers war sehr ansprechend, ein warmes Rot, und ein fühlbarer Umschlag, wie ich es manchmal von Kinderbüchern her kenne.
Ich mag diese Art von Familiengeschichten, in denen zum einen aus einer Zeit erzählt wird, die mich interessiert, aber auch zum anderen die Gegenwart mit einfließt. Da ich selber sehr gern stricke, ging mir natürlich doch beim Lesen einiges durch den Kopf. Und irgendwo sah ich dann auch meine Oma vor mir, bis zu ihrem Unfall war sie so agil, obwohl auch die 80 weit überschritten, und durch einen Unfall von heute auf morgen zum Nichtstun verdammt, bettlägerig. Beim Schreiben dieser Rezension ertappe ich mich dabei, wie oft ich beim Lesen des Buches an sie gedacht habe.
Meiner Meinung nach sollte das Buch den Leser zum Nachdenken anregen. Denn: Was ist mit uns, wenn wir alt werden? Wie geht man mit uns um? Also Themen über Themen.
Fakt: Ich werde das Buch auf jeden Fall weiterempfehlen.

Ich gebe dem Buch 4 Bucheulen. 4/6



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