Mittwoch, 8. März 2017

Gastbeitrag zum Internationalen Frauentag - Autorin Christiane Lind



Ich freue mich, dass die Autorin Christiane Lind einen Gastbeitrag zum Internationalen Frauentag für meinen Blog geschrieben hat. ♥-lichen Dank Chris


Die Frau in der Gesellschaft

Frauen machen die Hälfte der Weltbevölkerung aus, leisten fast zwei Drittel der Arbeitsstunden, verdienen ein Zehntel des Welteinkommens und besitzen weniger als ein Hundertstel des Weltvermögens. (UN/ILO-Statistik während der Dekade der Frau 1975-1985)

Hanne hat mich gefragt, ob ich etwas über „Die Frau in der Gesellschaft“ schreiben möchte. Weil das Thema mich und mein Schreiben begleitet, habe ich sofort begeistert zugesagt … und bin dann erst einmal von der Fülle dessen, was ich schreiben könnte, erschlagen worden. Sollte ich die Situation von Frauen in der Arbeit, in der Politik oder in der Familie in den Mittelpunkt stellen? Oder sollte ich auf Rollenbilder eingehen, darauf, dass Barbie noch immer blond und mager ist und bei GNTM und dem Bachelor erwachsene Frauen nur „Mädels“ genannt werden? Oder sollte ich darüber schreiben, dass Frauen bei Literaturpreisen und in Rezensionen des Feuilletons immer noch deutlich unterrepräsentiert sind? Dass Autorinnen per se (oder per Geschlecht) als Expertinnen für Liebesromane gelten, während Männer über alles schreiben können oder dürfen.
Mag das überhaupt noch jemand lesen? Wäre es nicht besser, nach vorne zu schauen oder auch einmal die Erfolge von Frauen zu betrachten, all die Veränderungen, die für uns selbstverständlich sind, aber noch vor 30. 40 oder 50 Jahren undenkbar gewesen wären, wie eine Frau als Bundeskanzlerin?
Schließlich habe ich mich entschieden, einfach ein paar Schlaglichter zu setzen, um „die Frau in der Gesellschaft“ zu beleuchten.

Fangen wir an mit dem 8. März, dem Internationalen Frauentag. 1910 setzte sich Clara Zetkin auf dem 2. Kongress der Sozialistischen Internationale 1910 in Kopenhagen dafür ein, dass es einen jährlichen internationalen Frauentag geben sollte. Ein Jahr später, am 19. März 1911, wurde dies in Dänemark, Deutschland, Österreich-Ungarn und der Schweiz in die Tat umgesetzt. Zentrale Forderungen waren die nach dem Frauenwahlrecht und nach Verbesserungen für Arbeiterinnen. Erst 1921 wurde der 8. März als festes Datum festgelegt. Warum gerade der 8. März? Einmal heißt es, dieses Datum soll an den Streik von Textilarbeiterinnen in New York in den Jahren 1857 und 1908 erinnern; andere Stimmen verweisen auf den Textilarbeiterinnen-Streik in Petersburg im Jahr 1917. Was auch immer der Grund für die Festlegung des Datums war, seitdem findet der Internationale Frauentag am 8. März statt – als Tag der Forderung nach Gleichberechtigung.

Die Forderung nach Wahlrecht stand von Beginn an auf der Agenda des Internationalen Frauentags. 1918 war es in Deutschland endlich soweit. Am 12. November dieses Jahres wurde in der Weimarer Verfassung das Wahlrecht für Männer und Frauen ab dem 20. Lebensjahr gesetzlich verankert. Im Januar 1919 durften Frauen erstmals wählen und gewählt werden. 37 weibliche Abgeordnete zogen ins Parlament ein; 82 % der wahlberechtigten Frauen hatten ihre Stimme abgegeben.
Als erste Frau in der Weimarer Nationalversammlung spricht am 19. Februar 1919 die Sozialdemokratin Marie Juchacz aus Berlin: "Ich möchte hier feststellen ..., dass wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa in dem althergebrachten Sinne Dank schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist." (Quelle: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. https://www.lpb-bw.de/12_november.html)

1949 gelang es, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland zu verankern. Elisabeth Selbert brachte den Antrag auf einen Gleichberechtigungsgrundsatz ein, der die Gleichstellung der Frau auf allen Rechtsgebieten erreichen sollte. Es setzte sich jedoch der bestehende Vorschlag der CDU/CSU-Fraktion durch, der staatsbürgerliche Gleichheit (keine Gleichberechtigung) sowie ein Benachteiligungsverbot enthielt. Das führte zu einer Vielzahl von Eingaben  von Frauenorganisationen und Verbänden, die sich zugunsten des Selbert-Antrags und für die Durchsetzung der staatlichen, rechtlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung von Frauen aussprachen. Auch Presse und Rundfunk kritisierten den vorliegenden Entwurf. Eine der Ursachen für die positive öffentliche Einstellung zur Gleichberechtigung lag sicher in dem Stellenwert, die Frauenarbeit in der Nachkriegsaufbauphase hatte.

Der Gleichberechtigungsartikel im Grundgesetz führte jedoch nicht zur Gleichberechtigung in der Gesellschaft oder den politischen Gremien. Erst am 14. November 1961 wurde mit Elisabeth Schwarzhaupt erstmals eine Frau als Ministerin im Bundestag vereidigt – gegen den erklärten Willen von Kanzler Adenauer. Wie wenig er von von dieser Personalie hielt, ließ Adenauer die Ministerin deutlich merken. Die Kabinettssitzungen eröffnete er weiterhin mit den Worten: "Morjen, meine Herren". Als sich Elisabeth Schwarzhaupt dagegen wehrte, antwortete der Kanzler: "In diesem Kreis sind auch Sie ein Herr."

… und es dauerte bis in die 1970er Jahre, bis sich die Gleichberechtigung im Bürgerlichen Gesetzbuch niederschlug. . So konnte der Ehemann als gesetzlich definierter „Haushaltsvorstand“ bis in die 1970er Jahre verbindliche Entscheidungen alleine treffen. Bis 1962 durften Frauen ohne Zustimmung des Mannes kein eigenes Bankkonto eröffnen und darüber verfügen. Noch bis 1977 schrieb das Bürgerliche Gesetzbuch vor, dass eine Frau die Erlaubnis ihres Ehemanns für die eigene Berufstätigkeit brauchte. Auch wenn er es erlaubte, verwaltete er ihren Lohn.
Juristisch war das im § 1356 BGB geregelt, der von 1958 bis 1977 folgendermaßen lautete: „[1] Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. [2] Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“[3]
1977 wurde der Paragraph geändert zum „paritätischen Ehemodell“. § 1356 BGB lautet: „Die Ehegatten regeln die Haushaltsführung in gegenseitigem Einvernehmen. […] Beide Ehegatten sind berechtigt, erwerbstätig zu sein.“

2017 nun gibt es eine Bundeskanzlerin, Frauen stellen sechs der 15 Ministerien: Wirtschaft und Energie (BMWi), Arbeit und Soziales (BMAS), Verteidigung (BMVg), Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) sowie Bildung und Forschung (BMBF). In den vier Bundesländer: Saarland, Rheinland-Pfalz, Thüringen, Nordrhein-Westfalen regieren Ministerpräsidentinnen. Die 50 % Quote ist noch nicht erreicht, aber der Frauenanteil in der Politik ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten deutlich gestiegen.

… und zum guten Schluss bunt durcheinander noch ein paar weitere Lichtstreifen am Horizont:
-         Frauen stellen 50 Prozent der bestverdienenden Autor/innen. Veronica Roth liegt auf Platz 3. (https://de.statista.com/statistik/daten/studie/200022/umfrage/schriftsteller-mit-den-hoechsten-einnahmen-weltweit/)
-         In 2017 kommen mehrere Filme aus Hollywood, die starke weibliche Heldinnen zeigen (Star Wars, der wunderbare Hidden Figures, Wonder Woman)
-         Thor und Iron-Man der Marvel-Comics sind inzwischen Frauen, allerdings lassen die Kostüme immer noch zu wünschen übrig
-         In der 18. Wahlperiode liegt der Frauenanteil im Bundestag bei 36,5 % - und damit so hoch wie nie
-         ….

Welche Erfolge fallen euch ein?

Lesetipps

Zwei Rollentausch-Klassiker
Gert Brantenberg: Die Töchter Egalias
Esme Dodderidge: Eine höchst bequeme Vermessenheit der Frauen (im Original heißt der Roman viel treffender: The New Gulliver or, The Adventures of Lemuel Gulliver Jr in Capovolta)
Y: The Last Man von Brian K. Vaughan – Ein Virus rottet mit Ausnahme eines Mannes namens Yorick Brown und seines Kapuzineräffchens alle männlichen Wesen aus. Yorick macht sich auf die Suche nach seiner Verlobten und entdeckt eine Welt, in der Supermodels als Müllfahrerinnen arbeiten, nur noch wenige Transportmittel vorhanden sind und alte Strukturen zusammenbrechen.

Wenn Ihr mehr über die Autorin erfahren wollt, schaut auf der Webseite → hier

Kommentare :

  1. Ein schöner Artikel, wenn auch das, was den "Hausvorstand" angeht, nur für Westdeutschland gültig ist. In der ehemaligen DDR waren wir Frauen schon weiter. :-)

    LG
    Monika

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    1. (y) ja wo fängt man an und wo hört man auf? Ost und West waren in vielen Dingen unterschiedlich, wobei der Osten in manchen weit voraus war
      Danke für deinen Kommentar
      LG HANNE

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  2. Ein wirklich schöner und sehr wichtiger Post. Vielen Dank dafür!
    Für mich ist es immer noch unglaublich, welche Einschränkungen es für Frauen vor meiner Geburt auch hier in Deutschland gab.
    Aber auch heute gibt es noch sehr viel zu tun, umso wichtiger ist es, dass man darüber spricht.

    Viele liebe Grüße
    Katrin

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    1. Liebe Katrin,
      da gebe ich dir recht, es muss noch mehr darüber gesprochen werden. Wenn ich daran denke, was es damals für einen Aufstand zur Pille gab und zum §218. Ich bin ja das ältere Semester und habe vieles miterlebt. An vieles erinnere ich mich leider nicht mehr so, was ich selbst erlebt habe, aber deswegen bin ich auch froh, diese Bücher zu haben.
      Liebe Grüße Hanne

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